Krawalle, Staatstrauer, Freunde und Fußball

Der Madrider Hauptbahnhof Atócha

Der Madrider Hauptbahnhof Atócha

Mit den vier oben genannten Worten verbindet wohl jeder momentan je eine andere Stadt. Warum alle vier zusammen auch zu meinem Wochenende in Madrid passen, möchte ich nun erzählen.

Auf in die Hauptstadt
Zunächst jedoch ein Überblick. Zusammen mit Nina bin ich Donnerstag abends mit Spaniens Schnellzug, dem AVE, in nichtmal drei Stunden in die mehr als 500 Kilometer entfernte spanische Hauptstadt gefahren. Die Hin- und Rückfahrt kostet mit insgesamt 68€ weniger als ein Flug und ist deutlich komfortabler als es die Buchungsseite der spanischen Bahngesellschaft RENFE vermuten lässt. Außerdem, Deutsche Bahn aufgepasst, kamen wir jeweils einige Minuten vor (!) der planmäßigen Ankunftszeit an.
In Madrid haben wir im Hostal Tijcal I gewohnt, einer einfachen Unterkunft, jedoch perfekt gelegen zwischen den zwei zentralen Plätzen Puerta del Sol und Plaza Mayor.

Am Freitag haben wir großteils die Stadt erkundet, waren auf dem Turm der Kathedrale, haben auf dem Plaza España Mittag gegessen und uns, vorbei an Senat und Kongress, das Museo del Prado angesehen. In diesem Museum sind alle Gemälde vor der der Zeit Pablo Picassos ausgestellt. Die Gemälde des spanischen Künstlers, zusammen mit anderen modernen Malern wie Joan Miró, sind im Museum Reina Sofia ausgestellt.

Während die oben genannten Museen vom Staat unterhalten werden, gibt es in Spanien, und insbesondere in Madrid, noch eine andere Art von Kultur- und Kunstzentren. Nämlich die der spanischen Banken. Diesem Versuch der Rettung des eigenen Rufes ist es zu verdanken, dass es viele Ausstellungen in eigens gestalteten Kunstforen verschiedenster spanischer Banken gibt. Das größte Forum in Madrid gehört der katalanischen la Caixa Bank und zeigt im Moment zwei, wie ich finde, sehr interessante Ausstellungen. In der einen sind original Fotografien von Sebastião Salgado und seinem GENESIS Projekt zu sehen. Bei dieser Reise des Fotografen sind beeindruckende Bilder von Natur und Mensch aus den verschiedensten Regionen der Welt entstanden. Die zweite Ausstellung widmet sich ebenfalls Bildern, allerdings in animierter Form aus dem Hause PIXAR. Zum 25 jährigen Jubiläum der Animationsfirma aus Hollywood gibt es nicht nur original Zeichnungen von Findet Nemo, Toy Story & Co. zu sehen, sondern auch allgemeine Erklärungen zur Entstehung von Animationsfilmen.

In der Galerie wieder auf das Ausrufezeichen oben links klicken für mehr Infos!

Nach dieser allgemeinen Schilderung unserer (sehr kulturellen) Aktivitäten in der Hauptstadt nun zu den sonstigen Ereignissen, welche auch für Madrid nicht alltäglich sind.

Krawalle
Wie in den deutschen Nachrichten berichtet wurde (hier ein Artikel in der SZ), gab es am Samstag bei Demonstrationen in Madrid mindestens 100 Verletzte bei Straßenschlachten zwischen jungen Demonstranten und der Polizei. Diese Zahlen sind mit Sicherheit richtig und kamen so auch in den spanischen Nachrichten. Allerdings bekommt man bei solchen Berichterstattungen schnell den Eindruck, dass die komplette Stadt in der Gewalt versinkt und man nirgends mehr sicher ist. Die Realität sah so aus, dass ab Nachmittag ein großer Protestzug mit vielen Tausend Teilnehmern eine der Hauptstraßen Madrids

Die Straße mit Kongress war von den Demos abgeschirmt.

Die Straße mit Kongress war von den Demos abgeschirmt.

entlanggezogen ist. Diese System-, Regierungs- und Kapitalismusgegner waren zwar sehr laut, allerdings während der eigentlichen Demonstration friedlich. Nina und ich haben die Demonstranten auf dem Weg zurück ins Hotel lange beobachtet und sind schließlich durch die Menge zurück ins Stadtzentrum gelaufen. Das zunächst alles friedlich war, kam sicher auch durch die starke Polizeipräsenz in der ganzen Stadt. Die Ausschreitungen haben erst am Abend, nach der Veranstaltung, auf einem einzigen Platz, außerhalb des Stadtzentrums stattgefunden. Obwohl wir den ganzen Abend in der Stadt unterwegs waren, haben wir von den Krawallen nichts mitbekommen und auch erst durch die Nachrichten im Hotel davon gehört.

Hier noch friedlich: Der Demonstrationszug am Nachmittag 

Auch am Straßenrand wurde gut Bewacht.

Staatstrauer

Die Polizei in Madrid ist momentan wirklich nicht zu beneiden. Kaum war die Demonstration in der Nacht von Samstag auf Sonntag überstanden, kam am Sonntag Nachmittag eine Nachricht, die weitere Arbeit bedeutete: Der erste Präsident nach dem Franco-Regime, Adolfo Suárez, starb in einem Krankenhaus in Madrid. Da Suárez, zusammen mit König Juan Carlos, Spanien von 1977-1981 in die Demokratie geführt hatte, ist die Anteilnahme in der Bevölkerung besonders groß. Daher wurde umgehend eine dreitägige Staatstrauer verhängt und der Leichnam von Suárez im Kongress Spaniens aufgebahrt. Am Montag hatte dort die Bevölkerung die Chance, sich von ihrem ehemaligen Präsidenten zu verabschieden. Natürlich wollte nicht nur die „normale“ Bevölkerung dem Ex-Präsidenten die letzte Ehre erweisen, sondern auch die Königsfamilie, die Regierung und bekannte Persönlichkeiten aus dem Ausland. Daher war die Straße um das Parlament für Autos komplett gesperrt und der Zugang für Fußgänger wurde streng kontrolliert. Als Nina und ich gerade vor dem Kongressgebäude standen, sind Prinz Filipe und seine Frau Letizia vorgefahren. Alles weitere in Bildern:

Übertragungswagen im Vordergrund, im Hintergrund: Fahne auf Halbmast und Scharfschütze auf dem Dach

Die Schlange derer die sich verabschieden wollten war mehrere hundert Meter lang.

Die Schlange derer, die sich verabschieden wollten war mehrere hundert Meter lang. 

Freunde & Fußball

Der Traum aller Vegetarier: Ein Besuch in der Restaurantkette "Museo del Jamón"

Der Traum aller Vegetarier: Ein Besuch in der Restaurantkette „Museo del Jamón“

Mein persönlicher Höhepunkt der Tage in Madrid waren nicht die Museen oder die sonstigen Ereignisse, sondern die Tatsache, dass ich dort viele Freunde von einem Schüleraustausch aus dem Jahr 2010 wieder getroffen habe und meine Patentante mit ihrem Mann ebenfalls in der Stadt war.
Mit den Austauschhülern, welche alle aus der Kleinstadt Aranjuez, bei Madrid, kommen, haben Nina und ich uns über die verschiedenen Tage verteilt getroffen. Zum einen bereits Freitag Abends in einigen typisch madrilenischen Bars und Restaurants und zum anderen Samstag morgens in einer Churrascaria in Madrid. Die Spezialität einer solchen Churrasceria sind Churros, in fett ausgebackene Teig-Würste, welche man in sehr kräftige Schokosauce tunkt. Super lecker, nicht als Diät-Essen geeignet.

Am Sonntag morgen haben Nina und ich mit meiner Patentante und ihrem Mann eine Radtour gemacht, mit der holländischen Leiterin Myrte, von der kleinen Firma Madway. Thema der Tour war die industrielle Architektur Madrids sowie der neu gestaltete Park am Fluss, im südlichen Teil der Stadt. Neben interessanten Gebäuden wie der ehemaligen Tabakfabrik (heute ein Gebäude für die alternative Szene), dem ehemaligen Schlachthof (heute ein Kulturzentrum auf 55000 Quadratmetern), einer ehemaligen Keksfabrik (heute ein Zirkus) sowie einer Bierfrabik in der heute eine Bibliothek ist, hat mir der neue Park um den Fluss Manzanares am besten gefallen. Wo früher die Stadtautobahn war, gibt es nun Fitnessgeräte, Fahrradwege, Spielplätze und Grünflächen für alle, während die Autobahn nun unterirdisch verläuft.

Ein kleiner Café-Stopp im ehemaligen Schlachthof

Ein kleiner Café-Stopp im ehemaligen Schlachthof

Im Innenhof der Tabakfabrik gibt es einen kleinen Hippie-Garten.

Im Innenhof der alten Tabakfabrik gibt es einen kleinen Hippie-Garten.

Ein weiteres Highlight war das wichtigste Spiel der ersten spanischen Liga, der Tabellenerste Real Madrid hatte den Tabellen 3., den FC Barcelona zu Gast. Diesen sogenannten el Clásico (so nennt man dieses Spiel auf spanisch), haben Nina und ich in einer typischen Bar im Norden der Stadt zusammen mit Luis (Austauschpartner aus Aranjuez), seinen Freunden und vielen weiteren sehr eingefleischten Real-Madrid-Fans angesehen. Nach spektakulären 90 Minuten, sieben Toren und einer roten Karte endete das Spiel 3:4 für Barcelona, so dass die Stimmung, der Staatstrauer angemessen, sehr bedrückt war.

Soweit die Schilderungen aus Madrid, kommendes Wochenende geht es schon weiter, nämlich mit ein paar Tagen in der Stadt des Clásico-Gewinners, Barcelona.

3 Gedanken zu “Krawalle, Staatstrauer, Freunde und Fußball

  1. Guten Morgen mein lieber Jan,

    mit deinem Blog und einer Tasse Kaffee beginnt mein Tag perfekt. Bei den genauen Schilderungen fühlt es sich an, als ob man selbst ein bisschen dabei gewesen ist.So viele Informationen, dass ich das alles heute Abend noch einmal lesen werde.

    Für Barcelona wünsche ich auch intensive Eindrücke – möglichst ohne Krawalle und Trauer….bei Barcelona werden beste Erinnerungen wach.

    Passt auf euch auf und geniesst jeden Tag!!

    Deine Mama

  2. Lieber Jan, wir sind von jedem deiner Berichte begeistert. Eine derart viel-
    seitige und ausgewogene Nachricht ist einfach ein Gewinn für jeden Leser.
    Wir danken herzlich für die Zeit, die du dafür aufwendest. Weiter alles
    Gute und viele Grüße, auch an Nina.

    Oma und Opa

  3. Lieber Jan.
    Danke für Deinen wieder so intressanten und und ausführlichen Bericht.
    Muß ihn immer wieder lesen , weil Du so vielseitig berichtest,
    Wünsche Dir weiter eine gute Zeit und genißt zusammen was möglich ist
    Liebe Grüße Oma Lilo Bauer

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