Im Tal der Nacht

Nach unserer Ankunft in Sur haben wir direkt unser Hotel bezogen. Dieses wurde leider gerade renoviert, so dass es nicht so gut gerochen hat, war im Grossen und Ganzen aber in Ordnung.
Am Nachmittag wollten wir noch an den Strand von Sur und die Stadt angucken. Wir haben aber schnell festgestellt, dass die östlichste Region der arabischen Halbinsel nicht für ihre Hauptstadt beliebt sein kann, sondern vielmehr für die umliegenden Attraktionen der Natur:
Auf dem Strand wurde nur Fussball gespielt, ins dreckige Wasser hat sich keiner getraut. Auch die Stadt als solche hat nichts besonderes zu bieten. Ausser eine beeindruckende Hängebrücke über einen Meerausläufer, für die Felix und ich die omanische Ingenieurskunst bereits bewundert hatten. Umso mehr mussten wir lachen als an der Seite der Brücke ein grosser Schriftzug der deutschen STRABAG hing.

Für eine Kunst ist Sur aber tatsächlich bereits seit vielen hundert Jahren bekannt, nämlich für das Bauen der traditionellen Holzschiffe, den Dhauen. Auch heute werden noch solche Schiffe in einer kleinen Werft mit traditionellen Mitteln hergestellt. Allerdings nichtmehr für den weltweiten Seehandel sondern für reiche Scheiche.

Im Tal der Nacht

Am darauffolgenden Tag haben Felix und ich uns ein Auto gemietet. Dass wir erst 20 anstatt 21 sind, war dank internationalem Führerschein überhaupt kein Problem und so hatten wir bald einen wunderbaren Nissan Sunny. Mit diesem Namen konnte der Tag nur ein Erfolg werden und wir hatten ein straffes Programm, von dem es leider kaum Bilder gibt. Warum, werde ich jeweils erklären.

Zuerst sind wir von Sur ca. 50km nordwestlich Richtung Muscat gefahren, um das Wadi Shab, das Tal der Nacht, zu besichtigen. Dieses Tal gilt als ein besonderes Highlight im Oman, da man, wenn man weit genug in das Tal reingelaufen ist, durch einige Becken weiterschwimmen kann um eine Höhle zu besichtigen. Wegen dem Schwimm-Teil haben wir keine Kamera mitnehmen können. Bilder gibt es hier auf der Seite von Tripadvisor.
Folgend nun die Beschreibung in Worten zum Fantasie anregen ;):
Die Wanderung beginnt mit der Überquerung eines kleinen Sees mit einem Motorboot für die man 200 Baisa, .ca. 40 Cent, zahlt. Anschliessend läuft man eine knappe Stunde immer weiter das Tal hinauf mit mal mehr und mal weniger Wasser neben einem. Die Felswände aus rötlichem Gestein ragen immer zwischen 20 und 50 Meter neben einem empor, wobei das Tal mit zunehmendem Weg schmaler und dunkler wird. Der Weg führt am Anfang noch über Kies oder sogar Beton, wird am Ende jedoch recht anstrengend, da man viele grosse Steine oder Unebenheiten übersteigen muss. Einen grossteil der Strecke begleitet einen noch ein dickes, schwarzes Rohr, durch das Trinkwasser das Tal hinab geführt wird.
Nach der erwähnten knappen Stunde Fußmarsch, ist man gezwungen sich im Wasser fortzubewegen. Manche der, erneut wenigen, Touristen, hatten von Seesack für Kleidung und Kamera bis zu Surfschuhen für die steinigen Teile zwischen den einzelnen Becken wirklich alles dabei. Felix und ich haben mangels solch guter Ausstattung den Minimalweg genommen und hatten ausser T-Shirt, Badehose und Schuhe nur eine Wasserflasche und Alditüte (für die Schuhe) dabei. Die Alditüte inklusive Schuhe haben wir noch im ersten Becken auf einem Felsvorsprung abgestellt, so dass wir die steinigen Teile Barfuß überquert haben, was sehr lustig ausgesehen haben muss.
Es wechseln sich Becken aus glasklarem, grünlich schimmerndem Wasser mit kurzen Kies-/Steinpassagen ab, bis man nach ungefähr 15 Minuten in ein sehr tiefes Becken steigt und sich durch eine Spalte in die Höhle mit tiefblauem Wasser zwängt. Das Wasser in der Höhle ist enorm tief, so dass man von einigen Felsen aus ins Wasser springen kann oder mit Hilfe von einem Seil einen Wasserfall besteigt.

Der Rückweg war entsprechend in umgekehrter Reihenfolge und erneut ist uns die ernorme und scheinbar selbstverständliche Gastfreundschaft der Omanis bewusst geworden. Einige Familien oder Jugendgruppen haben nämlich im Tal gegrillt oder Picknick gemacht. Als wir an einer Gruppe aus jungen Omanis und ihrem Grill voller Fleischsspiesschen vorbei gekommen sind, wurden wir sofort zu einem kurzen Stopp eingeladen, bei dem wir auch Fleischsspiesse mit einer unglaublich leckeren Sosse gegessen haben. In vielen anderen Ländern wären diese Spieße Touristen wohl für überhöhte Preise verkauft worden.

Als wir wieder am Auto waren, sind wir den neuen und gut ausgebauten Muscat-Sur Highway weitere 20 Kilometer in Richtung Muscat hochgefahren, um bei einer weiteren Sehenswürdigkeit, dem Sink Hole, zu stoppen. Hierbei handelt es sich einfach um einen Krater im Boden der mit einem extrem tiefen See gefüllt ist. Am Ufer des Sees schwimmen diese kleinen Fischchen, die an den Füssen rumknabbern und diese so von abgestorbenen Hautschuppen reinigen. Für eine solche Behandlung kann man in Deutschland viel Geld zahlen habe ich mir sagen lassen, nämlich von Heidi aus Sri Lanka bzw. Hannover und Sebastian, ebenfalls aus Hannover. Dieses sehr lustige und nette Lehrerpaar haben wir zufällig am Sink Hole getroffen. Und das kam so: Felix und ich hatten auf der couchsurfing Plattform in einer Gruppe für Reisende in den Oman dazu aufgerufen, uns auf dem Ausflug zu Wadi Shab zu begleiten. Auf diesen Aufruf haben Heidi und Sebastian geantwortet, leider haben wir es in der kürze der Zeit und mangels Internetverbindung nichtmehr geschafft uns zu verabreden. Da ich jedoch die gleiche froschgrüne Badehose am Sink Hole anhatte, wie auf meinem Profilbild bei couchsurfing, hat Heidi mich erkannt, als die beiden zufällig auch an dieser Touristen Attraktion waren.

Nach einer kurzen Unterhaltung haben wir uns für den Abend in Sur verabredet um zum Turtle Beach, dem Schildkröten Strand zu fahren.
Um halb acht Abends standen wir also zur Abholung vor dem Hotel der beiden bereit. Wie jedes Ziel an diesem Tag haben wir auch dieses sofort gefunden dank Navigator Felix in Kombination mit Google Maps. Da nur ich einen internationalen Führerschein habe, war auch nur ich als Fahrer eingetragen. Das Fahren im Oman ist trotz dem unmöglichen Fahrstil einiger Einheimischen dank der wenigen Fahrzeuge ausserhalb der Städte sehr angenehm. Als einzige Besonderheit sind fünf Polizeikontrollen zu erwähnen, bei denen die Polizisten jeweils eine unterschiedliche Kombination aus Führerschein(en), Fahrzeugpapieren und/oder Reisepässen von Fahrer oder allen Insassen sehen wollten.

Als Heidi und Sebastian zugestiegen sind, sind wir ins 45 Kilometer entfernte Raz al Jinz, östlich von Sur gefahren. Im dortigen Schildkröten Reservat kann jeden Abend eine begrenzte Anzahl von Touristen eine geführte Tour mit einem Ranger machen, bei der man erwachsenen Schildkröten beim Eier ablegen am Strand zugucken kann und Babyschildkröten bei ihrem Weg aus dem Ei zurück ins Meer. Besonders beeindruckend fand ich, wie die bis zu 130 kg schweren erwachsenen Tiere ihre gelegten Eier danach recht unkoordiniert mit Sand zuschaufeln indem sie ihre Flossen nach hinten in den Sand schlagen. Abgesehen davon, dass man im dunkeln ohnehin schlecht fotografieren kann, waren Kameras komplett verboten, um die Tiere nicht (noch mehr) zu stören. Wie so eine Schildkröte aussieht wird allerdings bekannt sein ;).

Nach diesem Ausflug haben wir den Tag in der Hotelbar der beiden angehenden Lehrer ausklingen lassen.

Müll rein, Müll raus
Der nächste Tag begann bereits um sechs Uhr mit der Busfahrt von Sur nach Muscat, wo wir wieder in Ajit wohnen konnten. Den Tag haben wir genutzt um die Mutrah  Souq nochmals genauer zu besichtigen und um Souvenirs zu kaufen.
Am darauffolgenden Samstag war um 15 Uhr Abfahrt unseres Busses nach Dubai. Am Morgen haben wir allerdings noch die Sultan Qaboos Grand Mosque, die grösste Moschee des Landes besucht, zu der Ajit quasi in Sichtweite wohnt.
Dieser Besuch hat sich sehr gelohnt: Zum einen natürlich wegen des Bauwerks an sich (siehe Bilder) zum anderen aber vor allem wegen des Islam informations Center, das auf dem Gelände der Moschee liegt. Dieses „Center“ ist ein von aussen sehr unscheinbarer Raum, der es aber in sich hat. Felix und ich sind eher zufällig mit zwei älteren Belgiern dort hinein gegangen und wurden gleich vom Imam persönlich sowie drei weiteren Muslimen begrüsst. Direkt zu Beginn wurde von einem zum Islam konvertierten Australier festgestellt, dass man hier niemanden zum Islam konvertieren wolle sondern nur die Religion erklären und Missverständnisse ausräumen möchte. Um eine lockere Atmosphäre aufzubauen, haben wir uns alle auf verschiedene Sofas gesetzt, haben arabischen Kaffee und Datteln bekommen und uns zunächst allgemein unterhalten. Dann hat der Imam in sehr gutem Englisch erklärt, wie wichtig der Grundsatz sei im Islam nur an Allah als einen Gott zu glauben, sich bewusst zu machen, dass er der Schöpfer von allem sei und man nur ihm zu danken habe. Nur wer „Müll“ eingeredet bekomme, glaube, dass dies anders sei und gebe diesen dann wieder. Er hat ausserdem erklärt, dass das Christentum und der Islam sehr viel gemeinsam hätten und war ohnehin sehr offen uns gegenüber. Allerdings haben Felix und ich viele Fragen zurückgehalten, welche zu unendlichen Diskussionen geführt hätten. Auf andere Fragen wiederum wurde sehr unerwartet geantwortet: so hat Felix zum Beispiel gefragt, wieso in erster Linie Frauen so verschleiern müssen, wenn doch alle Menschen (wie der Imam erklärte) von Adam und Eva abstammten und diese bekanntlich nackt gewesen sind. Der Imam antwortete sofort, dass dies natürlich Quatsch sei und die beiden sehr wohl was angehabt hätten. Ein Beweisfoto hatte leider keiner.
Eine sinnvollere Antwort kam auf meine Frage wie die anwesenden, offensichtlich friedlichen, Muslime zu Extremisten und deren Djihad stünden. Der muslimische Australier meinte daraufhin, dass dies eine sehr extreme und falsche Interpretation des Wortes Djihad sei. Im Koran bedeute es einfach nur Verbessung oder Weiterentwicklung und nicht Heiliger Krieg. Extremisten hätten sich hierbei für die falschen Mittel entschieden, indem sie Waffen in die Hand nehmen und dieser Weg sei natürlich abzulehnen.

Da mein Handy aufgrund der Länge des Berichts an seine Grenzen stösst, nun alle (wenigen) Bilder zu diesem Bericht in einer Gallerie:

Nach diesem Religionsunterricht der anderen Art sitzen wir nun auf einer langen Busfahrt (daher langer Atikel) nach Dubai, unserer letzten Station.

4 Gedanken zu „Im Tal der Nacht

  1. Lieber Jan,

    danke, danke, danke.
    Wir konnten uns tatsächlich eure Strecke in der Schlucht gut in unserer Fantasie vorstellen. Außerdem scheint es ja sehr anregend zu sein, dass ihr sowohl einigen Kontakt zu den Einheimischen als auch spontan zu anderen europäischen Touris bekommt.
    Viel Spaß noch in den letzten zwei Tagen (wolltet ihr nicht auch noch zwei Kumpel treffen?) und eine gute Heimreise wünschen
    Katja und Hans

  2. Lieber Jan, in Zukunft stehen wir in Ingersheim an der Hangkante zum
    Neckartal – blinzeln mit den Augen – und träumen von dem Tal der Nacht. Vielen
    Dank für den Bericht! Wir werden für das Essen am 24. Dezember arabische Tischsitten anwenden, damit Du keinen umgkehrten Kulturschock erlebst.
    Auf Wiedersehen.
    M + H

  3. Hallo Janmann,

    wie schön sich das alles anhört. Da liest man so einen tollen Bericht und fährt gleich darauf auf der völlig überfüllten B27 von A nach B….
    Nun hoffe, dass euch Felix mit seinem Oriantierungssinn auch wieder gut nach Hause navigiert, versucht einfach rechtzeitig am Flughafen zu sein, bitte kontrollier noch einmal die Abflugzeiten und die Rüstzeiten ;-)

    Ich freu mich sehr auf dich….

    Ganz lieben Gruss und Kuss, deine Mama

  4. Hallo Jan
    Wie hochintressant ist wieder Dein letzter Bericht
    den wir von EurerAbenteuerreise mit begleiten dürfen, Danke.
    Habe mir die Berichte alle ausgedruckt um sie in aller Ruhe zu lesen.
    Mir fiel auf,daß das Frauenthema EUch schon intressiert Gut so.
    Wünsche Euch für die noch letzten Stunden gute Kontakte
    und eine gesunde Heimkehr
    Herzliche Grüße Oma Lilo Bauer

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