„Zusammen sein ohne zu heiraten ist Zeitverschwendung.“

Diese Aussage lässt erkennen, wie offen und redselig unsere Gastfamilie in Nizwa war. Dass die Antwort, auf meine Frage wie man im Islam seine Frau kennen lernt nicht „In der Disco“ oder „beim Arbeiten“ war, zeigt allerdings auch, wie sehr sich die Kultur dieser Familie von unserer unterscheidet.
In diesem Artikel geht es also weniger um die Stadt und Umgebung sondern mehr um unsere Erfahrungen bei Hussein und seiner Familie.

Nach Nizwa zu Familie Al-Riyami
In das 140 Kilometer entfernte Nizwa sind wir mit einem shared Taxi, für umgerechnet 8 Euro pro Person gekommen. Unsere zwei Mitfahrer haben das gleiche gezahlt.

In Nizwa angekommen, hat uns Hussein, der Bruder von Hassan abgeholt. Hassan, den wir über couchsurfing kennen gelernt haben, hatten wir ja schon in Muscat getroffen. Da er arbeiten musste, konnte er uns in Muscat nicht beherbergen, hat uns im Gegenzug aber an seine Familie in Nizwa vermittelt. Nun saßen wir also bei Hussein im Auto und fuhren durch die omanische Kleinstadt, die früher einmal Omans Hauptstadt gewesen ist.

Hussein hat neben Hassan noch sechs weitere Brüder sowie drei Schwestern. Er arbeitet wie auch Hassan unter der Woche (im Oman Sonntag-Donnerstag) in Muscat bei einem Telekommunikationsdienstleister und ist am Wochenende (entsprechend Freitag-Samstag) bei seinen Eltern und seiner Frau in Nizwa.
Der Vater von Hussein und Hassan, Ismail, ist hochdekorierter Ex-Militär der Sultansgarde und arbeitet heute an der Universität von Nizwa.

Am Abend unserer Ankunft wurde der Geburtstag einer Enkelin von Ismail, Nichte von Hussain und Hassan, gefeiert. Felix und ich durften bei den Vorbereitungen ein wenig helfen und haben uns sonst Nachmittags im Gästezimmer der Familie Al-Riyami aufgehalten, was für die vielen westlichen Gäste extra sehr modern eingerichtet war.
Als wir Abends dachten, die Party würde nun steigen und die Familienmitglieder langsam ankamen, hat uns Ismail erklärt, dass alle (muslimischen) Männer nun in die Moschee gehen würden und alle Frauen im Haus beten, wir also in unseren Zimmer bleiben sollen.
Nach ungefähr einer Stunde kamen Ismail und Hussein mit Essen in unser Zimmer und wir haben auf dem Boden gegessen, während draussen Frauen und Kinder gefeiert haben. Ismail hat uns erzählt, dass solche Feste getrennt gefeiert werden und die Männer nur ab und zu mal vorbei sehen würden. Während unseres gesamten Aufenthalts wurden uns weder Ismails Frau noch seine Töchter vorgestellt. Von einer Vorlesung aus der Uni wussten wir zum Glück, dass das bei strenggläubigen Muslimen normal ist und man sich auf keinen Fall selbst vorstellen soll.
Wir haben den Abend also mit Ismail und teilweise Hussein im Haus verbracht, ferngesehen und uns unterhalten. Vor allem Ismail wollte genau wissen was wir machen und hat uns gezeigt wie „offen“ und modern er gegenüber westlicher Kultur ist, als er seine Lieblingssendung Smackdown Wrestling im Fernsehen angemacht hat.

Innenhof, hier hat der Geburtstag stattgefunden:
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ImH – Irgendwas mit Hähnchen:
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Bergdorf, Heiraten & Essen auf dem Boden
Der nächste Morgen begann bereits um 7 Uhr weil Ismail der Meinung ist „sleep is wasted time“, also verschenkte Zeit. Nach einem Frühstück auf dem Teppichboden des Wohnzimmers (Toast mit Honig und Spiegelei) ist Hussein in die Rolle seines früheren Berufes geschlüpft, der des Touristenführers. So hat er uns erst den Markt von Nizwa gezeigt, die Souq, und danach das Fort, ein sehr imposantes, rundes Gebäude mit Kanonen und zahlreichen anderen Verteidigungsmechanismen um die reiche Hauptstadt des Sultanats gegen die Portugiesen und andere Eroberer zu verteidigen.
Auch die Souq ist sehr schön (seit einer Renovierung vor 10 Jahren) und sehr traditionell, mit verschiedenen Abteilungen für Gemüse, Fisch, Kunsthandwerk, Vieh und Schmuck. Mit Hussein haben wir Halva, ein Zucker-Mandel-Gewürz Gemisch probiert und irgendwelche, sehr leckeren, aber nicht zuordnungsbaren Fleischstücke gegessen.
Anschliessend hat uns Hussein das 40 Kilometer entfernte Bergdorf Misfat gezeigt, welches durch seine ursprüngliche Bauweise und die Umgebung sehr beeindruckend ist. „Dieses Jahr ist außerdem sehr regnerisch“, hat uns Hussein erzählt,  habe es doch seit Januar schon fünf Mal geregnet. Normal sei maximal ein Mal pro Jahr. Wir hatten Glück und haben ausnahmsweise einen regenfreien Tag erwischt.

Auf der Rückfahrt von Misfat kam das Gespräch dann auf die Familienumstände bei den Al-Riyamis sowie generell bei omanischen Familien. Es gebe drei Wege eine Frau zu finden, erzählte uns Hussein. Der erste sei der neue, unislamische und untraditionelle westliche Weg. Vor allem in der Hauptstadt würden viele Männer ihre Frau im Alltag kennenlernen und seien erstmal eine Weile ein Paar bevor geheiratet würde. Nach seiner Meinung sei dies jedoch Zeitverschwendung. Wenn man eine Frau liebe, könne man sie doch auch gleich heiraten.
Der zweite Weg, den den auch Hussein genommen hat, ist eine Mischform. Traditionell sagt der Mann seiner Mutter oder Schwester dass er heiraten möchte und nennt die „Eigenschaften“ die ihm besonders wichtig sind. Wenn eine Kandidatin gefunden wurde, unterhalten diese und der Mann sich lange und oft über alle möglichen Themen. Allerdings immer unter den Augen mindestens einer Familienangehörigen von ihr oder ihm damit es zu keinen „Dummheiten“ kommt. Nach durchschnittlich zwei Wochen habe sich dann herauskristallisiert ob das was werden könnte oder nicht und es wird nach beidseitiger Zustimmung geheiratet. Dass diese Entschidung bei Beiden liege, war Hussein sehr wichtig. Es sei nicht unüblich das auch die Frau lieber auf „jemand besseren“ wartet.

Die dritte Variante sei nur für „Muttersöhnchen und Esel“, so erklärte mir Hussein, bei der sowohl Mann und Frau komplett auf ihre Familie vertrauen und, ohne das Gegenüber kennen gelernt zu haben, ja sagen.

Bei der ganzen Unterhaltung hat sich Hussein auch immer nach meiner Meinung erkundigt und war sehr offen gegenüber unserem westlichen Weg. Nur von seinem Standpunkt, dass eine Beziehung ohne Heirat Zeitverschwendung sei, war er nicht abzubringen. Aber das kann ja jeder sehen wie er möchte. Darin waren wir uns einig.

Wieder am Haus angekommen gab es gegrillten Fisch mit Reis und Salat sowie Datteln als Nachtisch. Alles wurde auf dem Boden sitzend mit den Händen gegessen. Was Felix und mir leichte Schwierigkeiten bereitet hat und sehr zur Belustigung von Hussein und Ismail beigetragen hat (Bilder sind auf Facebook). Als das Gespräch nochmal aufs Heiraten kam, war Ismail fasziniert was für ein Schnäppchen das bei uns Deutschen sei. Im Oman muss die Familie des Mannes nämlich 4000-10000 Euro an die Familie der Frau zahlen (je nach Stellung der Familie und Ausbildung der Dame). Erst wenn die Frau 35 Jahre alt sei drehe sich der Spieß um. Dann müsse sie zahlen um noch einen abzubekommen, erzählt uns Ismail.

Nun ein paar Bilder. Da ich fast nur mit der Spiegelreflexkamera fotografiert habe, kommt am Ende der Reise ein Artikel mit vielen Bildern von allen unseren Stationen.

Nach diesem Tauchgang in eine vollkommen andere Kultur hat uns Hussein am Abend mitgenommen nach Muscat, wo wir nochmal in Ajits Wohnung übernachtet haben (Ajit hat uns vor seiner Abreise einen Schlüssel gegeben, den wir vor unserer Rückfahrt nach Dubai in seinen Briefkasten werfen sollen).

Abschliessend bleibt festzustellen, dass Omanis generell, aber vor allem die Familie Al-Riyami zu den gastfreundlichsten Menschen gehören, die ich je getroffen habe und wir super interessante und schöne zwei Tage in Nizwa verbracht haben.

Nun sitzen Felix und ich im Bus nach Ibra, von wo aus wir morgen Mittag zu einem drei tägigen Aufenthalt in ein Wüstencamp starten.

Bis dahin, danke fürs Lesen und noch eine schöne Adventszeit.
Jan

P.s.: Um noch kurz allen Autofahrern die Laune zu verderben: Auf unserer Fahrt nach Muscat hat Hussein seinen grossmotorigen BMW vollgetankt. Für 12 Euro. Literpreis für Super: 0,24 Euro.

9 Gedanken zu “„Zusammen sein ohne zu heiraten ist Zeitverschwendung.“

  1. Hallo lieber Jan, ich bin begeistert von deinem neuen Bericht!! Vielen lieben Dank! Ich bin so froh über diesen Blog. Bei den vielen Eindrücken hättest du bei deiner Heimkehr bestimmt schon wieder viele Details vergessen!
    Nur frage ich mich Jan, hast du im Gegenzug eigentlich unsere Adresse auch als couchsurging – Adresse angegeben? Und kann das sein, dass wenn du mal locker in Sevilla bist, ich das Haus voller Araber habe?
    Gib bitte rechtzeitig Bescheid!
    Bis dahin grüsse ich dich in großer Gelassenheit, deine Mama

  2. Lieber Jan, ich freu mich ganz arg für Dich, dass Du so tolle Sachen siehst und erlebst. Danke, dass Du uns mit Deinem Bericht daran teilnehmen lässt. Pass auf Dich auf – und weiterhin eine „schöne Adventszeit“.
    Ach ja, ich bin gespannt, wenn Deine neuen Freunde zum Gegenbesuch surfen.
    Ganz liebe Grüße
    Claudia

  3. Hallo Jqn.
    Danke für Deinen neuen hochintressanten Bericht
    Es ist einfach enorm, was Jhr beiden erleben dürft.
    Hoffe, nur daß Jhr Euch einige Sachen nicht zu eigen macht
    und hier in der Heimat praktiziert. Na ich werde ja sehen.
    Wünsche Euch beiden noch weitere erlebnisreiche Tage
    und liebe Grüße aus Schwäbisch Hall
    Oma Lilo Bauer

  4. Lieber Jan,
    Danke für den tollen Bericht.
    Es ist jetzt wirklich an der Zeit, dass du Nina heiraten solltest – oder willst du deine Zeit weiterhin verschwenden? Nach meiner Rechnung sind die zwei Wochen deutlich überschritten!
    Ganz liebe Grüße!

  5. Hallo Jan,

    unglaublich welche Eindrücke du da mitnimmst. Da bin ich 49 Jahre alt und habe längst all das noch nicht erlebt.

    Natürlich kommt es mir nun komisch vor, dass Du gestern meine neue Adresse wissen wolltest. Ich richte mich schon mal auf ein paar Gäste ein :-)

    Das Essen auf den Bildern sieht etwas komisch aus, aber ich denke du bist ja
    a) unkompliziert was das angeht und
    b) schmeckt es eventuell ja besser als es aussieht.

    Bezüglich des Heiratens …… lass Dir Zeit :-)

    Ganz lieben Gruß und noch sehr viel Spass bei all den Eindrücken wünscht Dir Dein Papa.

  6. Lieber Jan,
    danke für den letzten -wie immer informativen- Bericht. Offensichtlich habt ihr vor
    Ort einen sehr offenen Bericht über die andere Kultur erhalten. Wichtig ist, daß man die Gastgeber in der Erinnerung vor Augen hat, um die Vielfalt der mensch-
    lichen Lebensentwürfe schätzen und akzeptieren zu lernen.
    M+H

  7. Hi Jan,
    vielen Dank für Deine tollen Berichte und diese wundervollen Bilder. Ich habe mir gerade eine kleine träumerische Auszeit genommen :-)) ..Wobei die Realität draussen vor der Türe mit den beleuteten Weihnachtsmarktbuden auch nicht so schlecht aussieht .. Ich wünsche Dir weiterhin tolle Erlebnisse, interessante, liebeswerte Menschen und viel Spass. Ich freu mich über diesen Weg daran teil haben zu dürfen. Liebe Grüße Ute

  8. Hallo Jan, heute will ich dir doch auch einen Gruß aus Bietigheim senden. Deine Erzählungen sind wieder einmal hoch interessant. Es ist schon sehr beeindruckend, was du auf deiner Reise alles erlebst. Vielen Dank für deinen lieben Anruf, über den ich mich besonders gefreut habe. Sicher hast du bemerkt, wie überrascht ich war, deine Stimme zu hören.

    Freue mich schon, wenn du nächste Woche wieder bei mir vorbeischaust und mir alles erzählen kannst.
    Genieße die restlichen Tage noch und komm gesund wieder.

    Liebe Grüße
    deine Oma Rita

  9. Pingback: Dubai & Bilder | Augenzeit

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